Die männliche Selbstverständlichkeit

In der deutschen Ausgabe von „Wer wird Millionär“ musste eine Kandidatin kürzlich (verständlicherweise) nicht lange ihre vier Antwortmöglichkeiten abwiegen. Es war die Mehrwertsteuer auf Tampons, mit der sich der Bundestag befassen hat müssen, weil bei einer Online-Petition mehr als 50.000 Unterschriften zusammengekommen waren. Während ich oft über die genialen Antwortmöglichkeiten des Sendeformats staune, haben sie mich in diesem Fall nachdenklich gestimmt: Ökosteuer auf Müsli, Lohnsteuer auf Taschengeld und – ungelogen – Hundesteuer auf Rollmöpse lauteten die. Ist es denn wirklich so amüsant, Tampons steuerlich nicht mehr als Luxusartikel zu führen und die Mehrwertsteuer zu senken?
In der Sprache sind wir seit langem inständig bemüht allen Geschlechtern gerecht zu werden. Die Gendervarianten in Texten sind mit „I, _, * und innen“ mittlerweile so vielfältig wie wir Menschen eben selbst. In anderen Bereichen haben wir (scheinbar) allerdings noch mehr Aufholbedarf als mir bislang bewusst war. Das verdeutlichte mir auch mein Schmökern im Buch „Unsichtbare Frauen“ mit dem Untertitel „Die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“ von Caroline Criado-Perez, soeben in deutscher Sprache erschienen. Anschaulich schreibt sie über die „männliche Selbstverständlichkeit“ und gewann vergangenes Jahr dafür den „Royal Society Science Book Prize“, einen renommierten Preis für wissenschaftliche Bücher. So fasst sie beispielsweise die Nachteile für Frauen bei gleichen Grundflächen von Damen- und Herrentoiletten zusammen: Damen brauchen aus anatomischen, biologischen und gesellschaftlichen Gründen statistisch gesehen zwei- bis dreimal so lange wie das andere Geschlecht. Die Wartezeiten verwundern also nicht. Jede Frau kennt die Misere „Damentoilette“, sie ist nervtötend, aber nicht lebensbedrohlich. Autounfälle hingegen schon. Die Wahrscheinlichkeit, als Frau bei einem Autounfall zu sterben, ist 17 Prozent höher als jene des Mannes. Criado-Perez berichtet von Crashtestpuppen, die dem „durchschnittlichen Mann“ entsprechen und mit deren Hilfe die meisten Autos konstruiert werden. In unserer Welt, die immer mehr auf digitalen Daten basiert, wird laut Criado-Perez auch das Ungleichverhältnis zwischen Frau und Mann digitalisiert und damit systematisiert. Einige der fundamentalen Aussagen der Autorin haben im englischsprachigen Raum eine Welle der Entrüstung ausgelöst. Ihre wissenschaftliche Grundlage wird erwartungsgemäß auch bei uns – in welchem Ausmaß auch immer – hinterfragt und angezweifelt werden. Die Thematik polarisiert eben. Aber so lange ein Diskurs stattfindet, entwickeln wir uns weiter.
Sollten Sie sich beim Texten also einmal mehr an Genderformen aufreiben und Ihrer innerlichen Kontroverse stellen müssen (und ich muss das sehr oft), dann denken Sie daran: Vielfalt ist Weiterentwicklung, Vielfalt ist Reichtum, Vielfalt ist irgendwann hoffentlich selbstverständlich.

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Von | 2020-02-27T12:34:11+00:00 15. Februar 2020|