Mit Abstand am subjektivsten: die Wirklichkeit

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ fragte und erklärte uns der 2007 verstorbene Therapeut und Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick. In den vergangenen Wochen zitierten wir diesen Satz oft. Die aktuelle Pandemie hat uns verdeutlicht wie subjektiv unsere Wahrnehmung und Einschätzung sind und wie unzureichend wir die Situation aus verschiedenen Perspektiven einzuschätzen vermögen. Die Kernthese von uns konstruktivistischen Denkerinnen lautet: Die Wirklichkeit ist eine Illusion. Wir alle konstruieren unsere eigene Wirklichkeit, unsere besondere Sicht der Dinge. Diese „persönliche Wirklichkeit“ kommunikativ zu vermitteln ist schwierig und verursacht zahlreiche Missverständnisse. Viele Probleme in der zwischenmenschlichen Kommunikation ergeben sich daraus.
Um die philosophische Auseinandersetzung zwischen den unterschiedlichen Weltanschauungen noch einmal zu verdeutlichen, greifen wir zum Glas als Redewendung: Ist das Glas (Gin natürlich) halb voll oder ist es halb leer? Diese Krise weist den Individualismus und Narzissmus jedenfalls in ihre Schranken und hat das Potential uns zu lehren, wieder achtsamer und wertschätzender miteinander umzugehen. Zuzuhören statt voreingenommen zu interpretieren und alles (besser) zu wissen. Nur wenn wir uns alle diese Erkenntnis auch bewahren, schaffen wir lebenswerten Kollektivismus. Dann ziehen immer wieder Wirbelstürme auf, aber es wüten keine Tornados. Dann gibt es ein Zurück in Zukunft.

Foto © IPR

Von | 2020-05-08T14:53:21+00:00 8. Mai 2020|