Mit Abstand am paradoxesten: Virtuelle Nähe?

„Sie fragte sich, ob sie eine Stalkerin sei. Es war acht Uhr Früh und Mia prüfte seinen Online-Status. Sie war ihm nahe. Er online, sie online. Es war ein virtuelles Date, das sich echt anfühlte.“
Dass die ersten Zeilen meines Buches „Weil Hummeln fliegen“ veröffentlicht werden, ist unwahrscheinlich. In drei Jahren habe ich es auf unrühmliche 288 Zeilen gebracht. Mit jeder Woche, die die Pandemie andauert, erkenne ich allerdings zunehmend wie hochvariabel die Begrifflichkeit virtuell ist. Habe ich zu Beginn der Krise nur bedingt Interesse an Zoom, Houseparty & Co. gezeigt, hatte ich gar nur ein Kopfschütteln für alle jene übrig, die sich diese Dienste allesamt gleichzeitig und mit Sicherheit auch freiwillig mit dem einen oder anderen Virus heruntergeladen haben, war ich zwischenzeitlich selbst mit der Bildtelefonie infiziert. Beruflich und privat. Virtuelle Nähe überbrückte scheinbar auch bei mir gekonnt das Distanzgefühl.
Sieben Wochen sind nun vergangen, seit unsere Bundesregierung die ersten Empfehlungen ausgesprochen hat. Und „die glorreichen Sieben“ haben (vor Jahren schon) gezeigt, dass weit mehr als nur Geld auf dem Spiel steht. Denn das Leben soll vor allem eines sein: schön. Und beinahe wäre es erneut ein Titel eines genialen Films geworden, den Mann und Frau gesehen haben sollte. Mein aktueller Gemütszustand wird aber meisterlich besungen, von Frank Sinatra mit „Riding high in April, Shot down in May“. Ich bin nämlich nicht mehr beseelt von virtueller Nähe, ich sehne mich nach realer. Auf die Heimarbeit kann ich die Schuld nicht abwälzen, sie ist im ImPressRoom nichts Neues, sondern Routine. Vor allem haben wir noch Arbeit. Sie ist also ein äußerst ungeeigneter Sündenbock. Sollte die Krise einen Schuldigen brauchen wie ihre Chance. Apropos Chance. Werden wir die Krise als Chance nutzen? Wohl eher nicht, zeigt die Geschichte der Menschheit. Und doch nehme ich vereinzelt noch immer unter den wiederauferstandenen Wutbürger*innen auch Mutbürger*innen wahr. Sie kombinieren bedacht virtuelle mit realer Nähe und schaffen soziale. Zwei Komplementärbegriffe ergänzen sich damit einmal mehr nicht nur sprachwissenschaftlich zu mehr.

Foto © IPR

Von | 2020-06-10T19:47:29+00:00 4. Mai 2020|Tags: |