Mit Abstand am sichtbarsten: Die Maskerade im Supermarkt

Eine Dame räumt gemächlich nicht nur lebensnotwendige Nahrungsmittel in ihren Einkaufswagen. Sie telefoniert mit Lautsprecher, eine FFP3-Maske hat sie unterhalb ihres Kinns gezogen. Die Verkäuferin ist zu diesem Zeitpunkt noch ungeschützt, versucht den Abstand zu halten, den die Dame beim Bezahlen nicht wahrt. Sie steigt in einen weißen SUV, zählbare Schritte vor dem Supermarkt-Ausgang geparkt.
Nur wenige Tage später wird in den Lebensmittelmärkten Plexiglas installiert, eine Woche danach folgt die Maskenpflicht. Immer das unsichtbare Virus im Visier. Aus dem Kanzleramt hieß es, die Kosten für den Nasen-Mundschutz übernehmen die Handelsunternehmen. Jetzt kosten die Masken als wertvolles, weltweit knappes Gut auch der/dem tatsächlichen Träger*in Geld. Großteils zumindest. Manche Dinge ändert eben auch die Krise nicht. Die Unachtsamkeit zum Beispiel. Menschen gegenüber, aber auch Gütern gegenüber. Und als wäre das nicht schon genug an bitterer Erkenntnis, lese ich in einer Tageszeitung die Warnung eines Moraltheologen, namensgleich mit unserer Lieblings-Kooperationspartnerin, vor dem Jo-Jo-Effekt. Alles, worauf wir jetzt verzichten müssen, holen wir im verstärkten Ausmaß nach der Krise nach. Noch mehr? Gibt´s nicht. Lieber Gott (ja, ich werde tatsächlich mit zunehmender Krisendauer immer gläubiger), schau auf uns, schau auf mich!
Beim nächsten Einkauf mit Maske, die ich tragen muss, auch wenn ihre Wirksamkeit in Expertenkreisen wohl noch Wochen debattiert werden wird, fehlen sie mir nicht. Die Menschen, die normalerweise vor den (Kühl-)Regalen lauthals nach Hause telefonieren, weil sich die Einkaufsliste für sie wie eine Enzyklopädie liest. Und mit zunehmender Verweildauer zwischen den Supermarktgängen lerne ich einen weiteren Vorteil der Maskenpflicht kennen. Das Modschgern fehlt, zumindest verbal. Auch wenn der Vergleich hinkt. Die Maske wird zum Schalldämpfer und zu meinem persönlichen Wunderwerk der Krise über dem Mundwerk. Als Kommunikationswissenschaftlerin bin ich mir dem Löwenanteil der Mimik als Ausdruckskraft ohne Worte durchaus bewusst. Doch den ignoriere ich gekonnt. An der Kassa setze ich meinem ignoranten Verhalten dann noch die „Corona“ auf und stelle mir unter jeder Maske ein zufriedenes Lächeln vor. Was für ein Gewinn, denke ich, ohne die Rabatte am Kassenbeleg nachgerechnet zu haben.

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Von | 2020-04-26T18:38:27+00:00 10. April 2020|Tags: |